Beobachtung - yogah cittavrtti – nirodhah

„Beruhige deinen Geist so, dass Du alles klar sehen kannst“

In meiner ersten Yogastunde, die ich vor Jahren besuchte, waren das oben genannte Sutra aus den Schriften des Patanjali und das Mantra „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“  (Mögen alle Lebewesen auf dieser Erde frei und glücklich leben können), die ersten Weisheiten des Yoga, mit denen ich Bekanntschaft schließen durfte. Das wohl meist bekannte und rezitierte Sutra des Yoga, fiel mir viele Jahre nicht immer leicht, umzusetzen. Lange war ich ein Mensch gewesen, der stets in Bewegung war, immer auf zu neuen Ufern, rastlos, auf der Suche, spontan und emotional, manchmal mit dem Kopf durch die Wand und dann, im Gegensatz dazu, zuweilen manchmal ziemlich verkopft…Mit der Schatzfindung des Yoga wurde es besser – ich hatte einen Ort gefunden, an dem ich meine Bewegungen mit meinem Atem harmonisieren und darüber gedankliche Ruhe und seelische Weite herstellen konnte.

  • Beobachten

Dieser Zustand hielt, wenn ich „Glück“ hatte, mehrere Tage an, manchmal aber auch nur bis zum nächsten Morgen. Denn, sobald der Alltag mich mit seinen An- und Herausforderungen wieder hatte, sprang ich wie ein Häschen hin und her und packte mir zuweilen wie der Osterhase einen ganzen Rucksack voller Erledigungen auf den Rücken, die ich meinte, alle zugleich abarbeiten zu müssen. Vielleicht kennst du diese kleinen Kuscheltiere mit integriertem Motor, der dafür sorgt, dass sie sich fort bewegen – tja, irgendwann hast du sie genug aufgezogen und plötzlich bewegen sie sich nicht mehr fort, sondern rattern nur noch.

Ungefähr so war es auch bei mir - am Ende des Tages war viel geschafft, mein Körper vielleicht auch müde, doch spätestens mein Geist hatte die Unruhe des Tages gespeichert und war das, was man gemeinhin einen „monkey mind“ nennt. Klar wusste ich, wie es auch anders geht – mich aus der Aktivität zu entfernen und still zu werden, Körper, Geist und Seele, dazu einzuladen, zu spüren, wahrzunehmen und zu erkennen, was tatsächlich in mir und in meiner Umwelt geschieht.

Denn das Gefühl des Ankommens und inneren Einklangs kannte ich ja schließlich, wenn ich auf der Matte mein Pranayama und meine Asanas übte. Doch konnte ich in der Mittagspause, während ich schnell im Supermarkt für das Abendessen einkaufte, in der Kassenschlange meine Matte ausrollen und mein Herz in der Schulterbrücke öffnen? Eher nicht. Asanas und Pranayama fielen mir leicht, doch zu meditieren, still zu werden, zu beobachten, bedeutete eine Herausforderung... 

Was ist Meditation?

„Wenn du wach und präsent bist, ohne nachzudenken oder zu träumen und dein Bewusstsein offen und bereit ist, alles wahrzunehmen, was in diesem Augenblick geschieht, ohne es zu kommentieren, zu analysieren oder beeinflussen zu wollen und ohne sich mit einer Meinung zu identifizieren, dann befindest du dich im Zustand der Meditation.“ Safi Nidiaye

Das Jahr 2017 sollte schließlich das Jahr werden, in dem ich besonders viel lernen und tollen Menschen begegnen durfte, die mich lehrten, dass Meditation, Beobachtung und innere Stille nicht zwangsläufig bedeuten müssen auch körperlich still werden zu müssen und dass Pausen der Ruhe immer und überall möglich sind. Seit jeher habe ich mich gerne in der Natur aufgehalten und so buchte ich im Spätsommer ein Meditationswochenende in eben solcher Umgebung. Die spirituelle Begleiterin erklärte mir, dass eine Beruhigung meines Geistes am ehesten gelänge, wenn ich mich mit der Natur verbinde und mich dadurch aus meinen Gedanken heraus hole. Sie riet mir, ein Stück Holz oder einen Stein in die Hand zu nehmen, ihn zu spüren und seine Beschaffenheit zu betrachten.

Ich sollte durch den Wald und die Felder spazieren und die Natur beobachten, mich unten an den Fluss setzen und das Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche wahrnehmen, im Garten arbeiten und während ich Erde und Moos fühlte und roch, beobachten, wie Bienen und kleine Schnecken in den geöffneten Blüten saßen. Ihre Idee wurzelte darin, dass wahre Begegnung mit sich und der Umwelt über die Sinne stattfindet, denn der Mensch begreift mit dem Herzen und die Sinne stellen die direkte Verbindung zu diesem her. Der Pfarrer, der den Gottesdienst in der Meditation- und Begegnugsstätte leitete, komplettierte dies, indem er mir folgenden schönen Satz schenkte als ich gerade damit beschäftigt war, die Erde um einen Quittenbaum herum von Unkraut zu befreien: „Unsere Sinne sind Ausstülpungen unseres Herzens.“ Und, wenn es uns gelingt, aus dem Herzen heraus zu leben, dann öffnet sich auch unser Bewusstsein vollständig.

So war es dann auch - als ich in diesen Tagen mit wachem Blick durch meine Umgebung ging, sie beobachtete, wahrnahm und spürte, ohne zu werten, fand mein Geist eine große Ruhe und Klarheit und mein Herz Kraft. Denn, wenn dieser Zustand eintritt, schaut man nicht mehr länger mit seinen Citta-Vrittis (Interpretationen, Wahrnehmungstrübungen) auf die Dinge, sondern mit Cit (dem klaren Geist). Dann kann man die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind und ersetzt alte Prägungen durch neue bewusste Sichtweisen. Die Störfaktoren unseres Geistes – die Kleshas – zeichnen sich durch Avidya (falsches Wissen), Asmita (übertriebener Egoismus), Raga (übertriebene Anhaftung), Dvesha (übertriebene Abneigung) und Abhinivesha (diffuse Angst) aus. In der Beobachtung und der Stille wird durch die Formung eines klaren Blickes der Geist frei von diesen Störfaktoren und die Wahrnehmung optimiert sich. In diesem Moment erschloss sich mir, dass Meditation allgegenwärtig ist, solange ich mich in der Beobachtung übe. Denn damit nutze ich die Freiheit zwischen Reiz und Reaktion, immer wieder auszutreten, still zu werden und die Geschehnisse so wahrzunehmen, wie sie wirklich sind. So kann Sukha (Freude, Leichtigkeit) im Leben stetig wachsen und Dukha (Schmerz, Leid) verringert werden.

  • bunte Vielfalt im LYKIA

Bei genauerer Betrachtung des Wortes „Beobachtung“, fand ich darin eine weitere bereichernde Überraschung als ich die Wörter „Ob Acht“ heraus las. Ob Acht verstand ich in dem Sinne, sich selbst immer wieder zuzuhören, den eigenen Bedürfnissen zu lauschen, Gedanken, Gefühle und Handlungsmuster zu reflektieren, gut für sich zu sorgen und immer wieder neu aufzuladen. Zu spüren, was meine Bedürfnisse sind und diesen gerecht zu werden, bedeutet, mir selbst ein Zuhause zu geben und mich zu jedem Zeitpunkt mit mir und der Welt verbunden fühlen zu können.

Seitdem kaufe ich in der Mittagspause nicht mehr ein, sondern gehe im naheliegenden Wald spazieren - bei jedem Wetter. Ich fahre täglich mit dem Fahrrad durch die Natur zur Arbeit, packe nur noch so viele Ostereier in meinen Rucksack, wie ich tragen kann und mag, liebe die Kundalini-Meditation (probier´s mal aus) und unterbreche meine Alltagsgeschäftigkeit immer wieder durch kleine Pausen, in denen ich still stehe, in mein Herz atme, meine Umgebung beobachte und über meine Sinne meinen Platz in der Welt begreife. Denn, wenn Beobachtung, Verbindung bedeutet, (denn das ist Yoga = „anjochen“), dann ist Meditation zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich, egal, wo wir uns gerade aufhalten.

Gleichzeitig bedeutet „Ob Acht“ für mich auch, meine Umgebung genau zu beobachten und richtig einzuschätzen. Mir die Situationen, in die ich mich begebe, genau anzuschauen und zu prüfen und nur die Menschen in meinen Vorgarten einzuladen, die mich stärken. Wenn jeder von uns so gut für sich selbst sorgt, dann ist es ein Kinderspiel einen freudvollen und achtsamen Umgang miteinander zu teilen und Liebe, Glück und Licht zu verschenken. Denn, wenn du dich gut um dich kümmerst, dann ist damit auch für alle anderen gesorgt. Wenn wir bewusst leben, wissen wir, wie wir uns richtig und authentisch verhalten und welchen Weg wir im Leben beschreiten wollen – wir erfüllen unsere eigene Sinnperspektive im Leben und können dadurch strahlen. Dieses Strahlen, der Mut, voller Liebe und Hingabe das eigene Selbst zu leben, führt dann vielleicht auch bei anderen Menschen zu einem solchen Mutausbruch.

In diesem Sinne, Lokah samastah sukhino bhavantu! :)

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[Stand: 19.07.2018]